Winfried Mall

Sensomotorische Lebensweisen -

ein Verständniskonzept für Menschen mit geistiger Behinderung

Die Umwelt mit den Sinnen entdecken

Hat ein Kind seinen Körper und seine Sinne genügend beherrschen gelernt, und hat es genügend Vertrauen, sich unbekannten Erfahrungen auszusetzen, geht es daran, seine Umwelt zu entdecken: Wie fühlt sich das an? – Wie schmeckt das? – Wie riecht es? – Welche Geräusche kann man damit machen? – Wie sieht es aus? Es erkundet mit allen Sinnen die Objekte seiner Umgebung, und es weiß bald, was ihm gefällt und was nicht.

In der Folge bildet es eine innere Welt der Vorstellungen aus (die sich wie bei allen sensomotorischen Erfahrungen in der entsprechenden Vernetzung der neuronalen Verarbeitungsstrukturen niederschlägt), darüber, welche Eigenschaften die Objekte seiner Umwelt aufweisen, wozu auch die vertrauten Personen gehören.

Immer wenn wir mit unseren Sinnen etwas genießen, greifen wir auch als nicht behinderte Erwachsene dieses Thema auf: Wir haben unsere Lieblingsspeisen, gestalten die Farben in unserer Umgebung, achten beim Kauf von Kleidung oder von Möbeln auf die taktilen Eigenschaften der Dinge, suchen Wohlgerüche auf. Auch in der Natur, beim Umgang mit Musik oder dem Einsatz von Kosmetika geht uns um die angenehme Stimulation unserer Sinne.

Beeinträchtigte Menschen werden häufig schon durch ihre ungenügende Bewegungsfähigkeit – die Schwächen der taktil-kinästhetischen Wahrnehmung – an der umfassenden Entdeckung ihrer Umwelt gehindert, und oft finden sie nicht die Unterstützung durch andere, die sie zur Kompensation ihrer Einschränkungen bräuchten. Oder sie sind durch übermächtige Angst gehemmt, sich neugierig und offen auf die Begegnung mit dem Unbekannten einzulassen, beschränken dann vielleicht ihre Umwelterforschung auf wenige „stereotype“ Teilbereiche und vermeiden es so, von Neuem überwältigt zu werden.

Teilweise mag es aber auch an der Begrenztheit der zugänglichen Welt liegen (zum Beispiel das Bett, der Rollstuhl, das Zimmer), die kaum Chancen bietet, neue und abwechslungsreiche Sinnesreize zu erleben, dass die Eindrücke, die die betroffenen Menschen von dieser Welt gewinnen können, entsprechend beschränkt und ihre innere Vorstellungswelt verarmt bleiben. Wenn sie sich dann selbst mit immer den gleichen Sinnesreizen stimulieren, hat das eventuell den Sinn, dem Nervensystem wenigstens ein Mindestmaß an Reizzufuhr zu bieten, nach der es trotz allem verlangt.


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