Winfried Mall

Sensomotorische Lebensweisen -

ein Verständniskonzept für Menschen mit geistiger Behinderung

Sich mitteilen und einfühlen

Wenn wir jemanden sehen, der weint, schauen wir in der Regel nicht neugierig zu, wie ihm Wasser aus den Augen läuft, sondern wir werden von seinem Gefühl angesteckt und fühlen seine Trauer selbst in uns, denn wir können uns vorstellen, wie sich Traurigsein anfühlt. Wenn uns jemand einen Witz erzählt, erkennen wir in unserer Vorstellungskraft das Unerwartete oder Unpassende an dieser Geschichte, was ihre Komik ausmacht und uns zum Lachen bringt. Beim Bericht vom letzten Urlaub beschränken wir uns nicht auf die Aufzählung der Mahlzeiten und Unternehmungen, sondern versuchen, die dazu gehörigen Gefühle in unserer Vorstellung neu zu wecken, nachzuerleben und dem Zuhörer zu vermitteln. Beim Betrachten eines Films gelingt es uns meist mühelos, in unserer Vorstellung die erzählte Geschichte aus all den Einzelbildern und -sequenzen neu zu konstruieren.

Kinder beginnen, wenn sie aus den sensomotorischen Lebensweisen heraus wachsen, mit "als ob"-Spielen: Dann ist der Klotz ein Krankenwagen, das Aststück ein verletzter Mensch, den man ins Krankenhaus fahren muss. Der Sand im Förmchen ist ein Kuchen, und wenn die Mama ihn nicht „isst“, ist das Kind beleidigt. Es kann sich auch in ein anderes Kind hinein versetzen, dem jemand weh getan hat, und kann so lernen, dass man anderen keine Schmerzen zufügen sollte. Oder später, wenn das Kind die Puppe „füttert“, hört die Mutter im Kinderzimmer auf einmal sich selbst, weil das Kind in ihre Rolle geschlüpft ist. Das Kind ist damit nicht mehr an das unmittelbar zu Spürende, an das Hier und Jetzt gebunden – ihm gelingt der Schritt in die Welt der Vorstellungen. Es kann die sensomotorischen Lebensweisen verlassen und die nächsten Themen der kognitiven Entwicklung bis hin zur Ausbildung einer abstrakten Intelligenz im Jugendalter angehen.

Wenn Menschen der Schritt aus den sensomotorischen Lebensweisen nicht gelingt, wie es meist bei den Personen der Fall ist, die wir geistig behindert nennen, sind sie kaum zur Einfühlung in andere in der Lage, da sie deren Gefühle ja nicht in ihrer Vorstellung nachvollziehen können.

Sie schauen sich zum Beispiel im Fernsehen gern Tier- oder Musikfilme an, bei denen man sieht, was tatsächlich geschieht. Vielleicht begeistern sie sich an dramatischen Effekten in Action-Filmen, verstehen dabei aber nicht die Handlung. In der Schule haben sie vielleicht "Schreiben" und "Lesen" gelernt, sind aber kaum über das Nachzeichnen der Buchstaben und Worte oder das Erkennen von Wortbildern hinaus gekommen und können nicht wirklich Sinn-entnehmend lesen. Wenn man sie nach dem letzten Urlaub fragt, zählen sie vielleicht die äußeren Begebenheiten auf, können aber nicht den emotionalen Gehalt neu ins Erleben rufen. Witze mit Hintersinn verstehen sie kaum, mit polemischen oder zynischen Bemerkungen löst man eher Irritation aus, vielleicht auch ein diffuses Gefühl, abgelehnt zu werden.

Dies kann auch der Fall sein, wenn sich eine Bezugsperson von ihrem Verhalten persönlich angegriffen fühlt und beleidigt oder aggressiv reagiert, obwohl die beeinträchtigte Person sich dies gar nicht absichtsvoll vorstellen konnte (zum Beispiel bei "Machtkämpfen" oder "provozierendem Verhalten", das meist eher im Rahmen des Themas "Eigene Wirksamkeit erleben" zu verstehen ist – ein wichtiger Aspekt in Beratungssituationen).


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