Winfried Mall

Sensomotorische Lebensweisen -

ein Verständniskonzept für Menschen mit geistiger Behinderung

Sich in Bewegung erleben

Lust an Bewegung ist eine zutiefst befriedigende Erfahrung. Wenn wir bei Sport, Tanz oder körperlicher Betätigung aktiv sind, oder wenn wir passiv in der Hängematte, auf der Schaukel, der Achterbahn, dem Karussell Bewegung erleben, genießen wir das Zusammenspiel der taktil-kinästhetischen Sinnessysteme von Gleichgewichtsinn (Innenohr), Kraftsinn (Muskeln), Stellungssinn (Gelenke) und Tastsinn (Haut). In Spitzensport, Artistik und Tanz, auch beim virtuosen Spielen eines Musikinstruments wird unermüdlich daran gearbeitet, Körperbeherrschung und Bewegungsabläufe zu perfektionieren. Motorradfahren, Klettern oder Bungjee-Springen werden durch den „Kick“ reizvoll, ausgelöst durch die extreme Stimulation dieser Sinne. Aber auch bei einer wohl tuenden Massage, im warmen Wasser des Thermalbads, durch das verwöhnende Angebot einer geschickten Kosmetikerin erleben wir unseren Körper auf angenehme Weise, ebenso im zärtlichen Zusammensein mit einem geliebten Menschen.

Diese Lust an Bewegung genießt auch das kleine Kind, wenn es getragen, geschaukelt, im Kreis geschwungen, sogar hoch geworfen und aufgefangen wird, im Vertrauen auf seine Eltern. Die Freude an der wachsenden Fähigkeit zur Körperkontrolle motiviert es zu lernen, wie man den Kopf gerade hält, mit der Hand den Mund findet, die Augen auf das Gesicht der Mutter ausrichtet und ihre Hand ergreift, die es berührt. Es genießt Massage, Baden, Abrubbeln, Kitzeln, und jede andere Gelegenheiten, den eigenen Körper lustvoll zu spüren.

Wichtiger Teilaspekt dieser Lebensweise ist es, den Gebrauch der Sinnesorgane (der "Sinnesmodalitäten") im Zusammenspiel mit der Motorik zu üben, so die visuelle Wahrnehmung, die die differenzierte motorische Kontrolle der Augen voraussetzt, das gerichtete Hören oder auch die gezielte Reaktion auf einen Berührungsreiz. Dabei kommt es wohl – das nötige Ur-Vertrauen vorausgesetzt – zu der grundsätzlichen Entdeckung, dass die Sinnesorgane dazu taugen, sich sinnvolle Informationen über die Umwelt zu beschaffen, dass es „sich lohnt“, sie als "Tor zur Welt" zu nutzen.

Für manche beeinträchtigte Menschen bleibt ihr Leben hindurch die Anregung der Körpersinne von vorrangiger Bedeutung, indem sie zum Beispiel ihren Gleichgewichtssinn durch Schaukeln, sich Drehen oder andere Bewegungsabläufe reizen, überstarke Tastempfindungen suchen oder ihre Gelenke durch Überdehnen oder die Einnahme bizarrer Körperstellungen stimulieren. Auch bezogen auf die übrigen Sinnesorgane kann es zu Selbststimulation kommen. Manchmal, zum Beispiel in Situationen der Überforderung oder der Reizüberflutung, rücken diese Erlebnis- und Verhaltensweisen verstärkt in den Vordergrund – man kann man den Eindruck gewinnen, die Person ziehe sich so aus der überfordernden Auseinandersetzung mit der Umwelt auf sich selbst zurück. Bei manchen Menschen scheint dies so weit zu gehen, dass sie ihre Sinnesorgane überhaupt nicht oder überaus selektiv zur Aufnahme Umwelt-bezogener Reize nutzen, so dass sie sogar zeitweilig als blind oder taub diagnostiziert werden, obwohl sich keine organische Schädigung des Sinnesapparats finden lässt. Bei anderen Personen sind es vor allem ihre motorischen Einschränkungen, die sie am Erwerb der Erfahrungen aus diesem Themenbereich hindern, womit ihre Ausgangsbasis geschwächt ist, um die darauf aufbauenden Lebensweisen in der nötigen Breite zu erwerben, und sie so eventuell weiter diesen Themen verhaftet bleiben.


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